Kindesmissbrauch Schweiz

Missbrauch an Minderjährigen von Zeugen Jehovas aus dem Tessin / Schweiz vertuscht? 
Zwei Fälle von Kindesmissbrauch bei Jehovas Zeugen sollen vertuscht worden sein. Mehrere Personen seien für die mutmaßlichen Taten verantwortlich. Die Organisation bestreitet alle Vorwürfe.

Deutsche Übersetzung eines Artikels zu Kindesmissbrauch in der italienischsprachigen Schweiz in tio/20minuti vom 21. Januar 2019

PATRICK MANCINI

LUGANO – Angeblicher sexueller Missbrauch von „Ältesten“ vertuscht. In der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas in der italienischsprachigen Schweiz gibt es anscheinend undurchsichtige Machenschaften. Zwei Fällen ging tio/20Minuten in den letzte Wochen nach. Nach einigen Zeugenaussagen sind mehrere Personen, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben sollen, auf freiem Fuß. Die von uns kontaktierte Führung weist derweil jede diesbezügliche Vermutung zurück.

Zwei kontroverse Geschichten – Es soll sich um zwei Opfer handeln. Der erste Fall aus Lugano liegt etwa vierzig Jahre zurück. Das Opfer war damals sechs Jahre alt. Nach einem langen psychischen Prozess fand die Frau den Mut, über das Geschehene zu sprechen, aber niemand in der Organisation schenkte ihr Gehör. Der zweite Fall ereignete sich in Norditalien, Opfer war ein vierzehnjähriges Mädchen. Auch dieser Fall wurde den „Ältesten“ von Bellinzona gemeldet – mit dem gleichen Ausgang.

Prestige vor allem anderen – Seit einigen Jahren steht die Welt der Zeugen Jehovas unter internationalem Druck. Mehr als tausend Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch wurden durch eine in Australien durchgeführte Untersuchung festgestellt. Kritische Berichte kommen auch aus Italien und Deutschland. In der Schweiz gehören rund 19’000 Menschen der Organisation an. „Die Vorgehensweise“, so eine unserer Quellen, „ist überall die gleiche. Wenn man zu den ‘Ältesten’ geht, die eine Art Komitee bilden, um die Sachverhalte zu untersuchen, versuchen sie, einen davon zu überzeugen, keine Anzeige zu erstatten und stattdessen zu schweigen. Die Priorität liegt auf dem Ansehen der Organisation.“

Wenige Meldungen an Infosekta – Ein aktueller Bericht von Infosekta, einem Zürcher Verein für den Schutz von Sektenopfern, zeigt, dass die meisten Fälle in der Schweiz nicht an die Öffentlichkeit gelangen. „Im Moment“ – so Christian Rossi, einer der Berater des Vereins – „erhalten wir noch nicht viele Berichte. In der Schweiz wenden sich Opfer von Missbrauch an Spezialisten in diesem Gebiet.“

Der Tessiner Fall gibt zu reden – Rossi verweist jedoch auf den Fall einer Tessiner Familie, deren Tochter von einem Mitglied der Organisation missbraucht worden sein soll. „2017 berichtete darüber auch die NZZ am Sonntag. Die Ältesten forderten von der gesamten Familie Stillschweigen.“

Die Kraft der Vergebung – „Man muss bedenken, dass die Religionsgemeinschaft vom Rest der Gesellschaft isoliert ist“, erklärt eine weitere Person, die Opfer von Missbrauch wurde. „Und dann gibt es noch die Zwei-Zeugen-Regel, die besagt, dass eine zweite Person zusätzlich zum Opfer die Tat gesehen haben muss. Sie unterziehen dich einer Gehirnwäsche. Bei ihnen dreht sich alles um Vergebung.“

Schmutzige Kleidung wird zu Hause gewaschen – Zusammenfassend: Wenn die Person, die dich missbraucht, Buße tut, dann ist es richtig, ihr zu vergeben. „Und alles muss innerhalb der Organisation bleiben. Sie lassen dich sogar denken, dass das, was dir widerfahren ist, du eines Tages tun könntest, dass auch du in Zukunft einen Fehler machen könntest, und dann könne nur Jehova dich richten.“

Eine Geschichte, die sich über Jahre hinzieht – Wie bereits erwähnt, stammt einer der beiden von Tio/20minutes untersuchten Fälle aus der Zeit vor etwa vierzig Jahren. Die betroffene Frau, die in eine Familie von Zeugen Jehovas hineingeboren wurde, musste einen langen Weg gehen, um sich der Wahrheit zu stellen und den Mut zu finden, über das, was ihr in Lugano widerfahren ist, zu sprechen. Sexuelle Übergriffe bis zur Vergewaltigung durch Täter, die nach wie vor auf freiem Fuß sind. Nicht nur das. Im Laufe der Jahre, so unsere Zeugin, haben sie das Gleiche anderen Opfern angetan.

Die Welt des Satans – Der zweite Fall ereignete sich vor etwa zehn Jahren in Norditalien. Die Betroffene, eine Frau mit Schweizer Pass, bat einige Mitglieder der Zeugen Jehovas in Bellinzona um Hilfe. Diese jedoch forderten sie dazu auf, die Sache ruhen zu lassen. „Die Zeugen Jehovas“, erklärt Rossi, „glauben, dass sie das Volk Gottes sind. Alles, was nicht Teil ihrer Organisation ist, wird als Teil der ‚Welt des Satans‘ betrachtet. Die Zeugen Jehovas wollen immer einen guten Eindruck hinterlassen. Die böse Welt darf keinen Grund haben, schlecht über sie zu reden.“

Interne Gerichtsbarkeit – Im Gegensatz zu anderen Organisationen haben die Zeugen Jehovas interne Gerichtskomitees, die aus „Ältesten“ bestehen und gemäß den Vorgaben des Leitungsgremiums handeln. „Dies“, so Rossi, „begünstigt den Schutz möglicher Pädophiler innerhalb der Organisation.“

Einige Veränderungen haben stattgefunden – In den letzten Jahren wurden nach den großen internationalen Skandalen einige Regeln geändert. „Meiner Meinung nach gehen die Änderungen nicht weit genug“, sagt Rossi. 

Kampf gegen Missbrauch – Die Zeugen Jehovas aus der italienischsprachigen Schweiz haben auf unsere Nachfrage zwei Seiten geschickt, auf denen die moralischen Grundsätze aufgeführt sind, auf denen die Organisation basiert. „Die Zeugen Jehovas“, betont der Sprecher Mauro Poggio, „sind weltweit bekannt für ihre strenge Moral, insbesondere im Hinblick auf die Sexualität. Seit Jahrzehnten veröffentlichen die Zeugen Jehovas Informationen, die sexuellen Missbrauch und Pädophilie kategorisch verurteilen und gleichzeitig die Opfer unterstützen.“

Unbefleckte Schweiz – Hinsichtlich der angeblichen Verbreitung von sexuellem Kindesmissbrauch unter den Zeugen Jehovas in der Schweiz und insbesondere im Tessin verweist Poggio auf eine aktuelle Erklärung von Wolfram Slupina, Sprecher der Zeugen Jehovas für Mitteleuropa. „In der Schweiz gibt es keine Gerichtsverfahren wegen Missbrauchs durch Zeugen Jehovas.“

Aufruf:
Wir haben aktuell eine journalistische Anfrage, Betroffene aus der Schweiz, die ANONYM Auskunft geben würden, möchten sich bitte melden unter email@jw.help